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Dead Frog

Kanada ist nur ein bisschen anders als Europa, aber das immer und zu jeder Gelegenheit. Heute ist der Tag unglaublich grau, aber nicht klassisch deprimierend grau, sondern irgendwie weltuntergangsgrau. Was wiederum faszinierend ist. Da guckt man auch ein zweites Mal hin und fragt sich noch immer, was das jetzt wieder soll. Auf jeden Fall ist das wohl die perfekte Voraussetzung dafür, mal wieder einen ganzen Tag zuhause rumzuhängen.

Ich bin noch einen kleinen Bericht schuldig geblieben. Letzten Samstag sind wir mit ein paar Leuten zu einem Konzert von Yo La Tengo gegangen, und es war richtig geil. Der Laden (Richards on Richards) war schon ziemlich cool: Rustikal eingerichtet mit viel dunklem Holz, nicht allzu groß und irgendwie ganz wohnlich. Es hatte irgendwie was Saloon-mäßiges.
Und dann gab es eine verdammt gute Vorgruppe mit dem sinnigen Namen WHY?. Das waren drei Typen, die immer mindestens zwei Sachen auf einmal machten: Der Drummer spielte gleichzeitig Vibraphon und sang mit, der Sänger trommelte mit auf dem Schlagzeug rum, rasselte und klopfte auf allen möglichen Sachen rum, spielte Keyboard (und sang) und der Gitarrist spielte außerdem auf einem Fender Rhodes und sang auch noch. Schon dieses ständige Kuddelmuddel zu beobachten, war den Eintritt wert.
Was die Typen musikalisch zustande brachten, war allerdings auch ziemlich super. Echt abgedrehter Indie-Math Rock-Weird-Folk-Kram mit halsbrecherischen Arrangements und total kranken Texten. Alles in allem: Echt knorke Performance.

Yo La Tengo waren aber auch nicht schlecht, auch wenn ihr Auftritt nicht ganz so spektakulär, dafür aber erwartungsgemäß vielseitig war. Da gab es die beliebten Gitarrenfeedback-Orgien zu bestaunen, aber auch ganz ruhige Nummern, bei denen meistens die Schlagzeugerin sang. Und dann natürlich ständige Instrumentenwechsel, weil ja bei denen auch alle alles machen. Phasenweise ging es extrem ab.
Die Gruppe gibt auch optisch ein faszinierendes Bild ab. Der Bassist ist ziemlich dick und ruhig und erinnert ein bisschen an Stephen King und der Gitarrist ist so ein dünner Derwisch, der offenbar am liebsten sein Instrument schrotten würde. Am beindruckendsten ist aber die Schlagzeugerin, über die Mattes mit gutem Grund sagte: "Die sieht aus wie ne Hausfrau mit zwei Kindern". Da hatte er Recht. Vermutlich hatte sie wirklich erst kurz vorm Konzert die Spülmaschine eingeräumt. Auf der Bühne war sie jedenfalls die coolste von allen, verzog keine Mine und machte am Schlagzeug einen richtig guten Job. Ich würde fast sagen, so eine ebenso gute wie abgebrühte Schlagzeugerin habe ich noch nicht erlebt.
Zum Schluss spielten sie dieses eine Stück, das wir damals mal mit Eisdiele im Schneckes gespielt haben. Mit Aushilfsgitarrist Alex und extrem besoffen, der eine oder andere wird sich (im Gegensatz zu uns) mit einem Schaudern daran erinnern. Jedenfalls musste ich bei diesem Konzert die ganze Zeit denken: Wären wir damals ein Quentchen weniger planlos gewesen, könnten wir jetzt auch da auf der Bühne stehen. In Sachen Lärm können uns Yo La tengo wirklich nichts vormachen. Und begnadete Sänger haben sie auch nicht. Nee, ma ehrlich, das hätten wir auch gekonnt!
Aber es war natürlich supergeil, das Konzert!!!

Anschließend sind wir dann in so einem abgeranzten Blues-Club namens Railway gelandet. Da waren wir schon ziemlich besoffen und wohl auch deswegen total fasziniert von einem Bier, das heißt wie es schmeckt: Dead Frog.



Coolerweise spielte da noch eine Band, deren Namen ich nicht in Erfahrung brachte. Zwei Typen, die mindestens so breit waren wie wir und auf der Bühne ständig Whiskey orderten machten ziemlich authentischen 70er Blues. Das erinnerte ein bisschen an die White Stripes und war auch ähnlich cool. Der Drummer grinste die meiste Zeit bekifft vor sich hin, während der Sänger sich augenscheinlich schon ein wenig auf die Groupies vor der Bühne einschoss. Auf jeden Fall gab der Kerl alles, inklusive auf irgendwelchen Bartischen rumturnen.



Irgendwann war der Spaß dann leider vorbei und alle wurden rausgekehrt. In den Regen, der nun immer öfter vorkommt.

So, jetzt ist hier Mittwoch und ich habe meine erste ernsthafte Finanzkrise hinter mir (vermutlich nicht die letzte...). Vor ein paar Tagen musste ich nach zweieinhalb Wochen ohne Job den Offenbarungseid leisten und einen Notruf nach Eschweiler schicken. Zum Glück machte mein Vater den Retter in der Not!

Unterdessen könnte meine Beschäftigungsmisere mit noch mehr Glück bald ein Ende haben. Ich bin in der zweiten Runde für einen offenbar richtig coolen Job und es sieht wirklich nicht schlecht aus. Mehr dazu, wenn es klappen sollte. Morgen gehts um die Wurst!

Es ist halt einfach ein Kreuz mit den Jobs hier. Die Leute wissen halt, dass man als Ausländer mit Jahresvisum durchaus recht schnell wieder abhauen könnte. An die richtig guten Jobs, die eben auch ein paar Monate Einarbeitung brauchen, kommt man deswegen einfach nicht ran. Die simplen Jobs kriegt man aber auch nicht, weil die Leute wissen, dass man überqualifiziert ist und sich beim nächstbesten Angebot vom Acker machen würde. Beide Einwände sind schon berechtigt. Es ist ja auch tatsächlich so, dass ich jetzt für einen guten Job im Rennen bin und mein potentieller Arbeitgeber davon ausgeht, dass ich mindestens bis nächsten Sommer zur Verfügung stehe. Wir wissen es natürlich besser...

Letzten Freitag haben wir Fußball gespielt und Garret hat sich einen Bänderriss eingefangen. An sich schon ziemlich übel, weil der Kerl jetzt fast gar nix mehr machen kann und die ganze Zeit zuhause rumhängen muss. Noch übler ist allerdings, dass einem die Reisekrankenversicherung erstmal herzlich wenig bringt, weil die die Kosten wohl erst erstatten, wenn man wieder zuhause ist. So hat Garret der ganze Spaß schon jetzt um die 500 Dollar gekostet, also einmal zum Arzt und einmal ins Krankenhaus gehen. Hammerhart!

Zurzeit planen Mattes und ich unsere Abschiedstour, die von Ende November bis zu unserem Flug nach Hause dauern soll. Wenn das alles so klappt, wird das der Wahnsinn...
19.10.06 01:38
 


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